Fachkraft-Rede zum 40-jährigen Jubiläum des Studierendenparlaments (StuPa)
Am 23.01.1965 feierte das Marburger Studierendenparlament sein 40-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass fand eine Jubiläumssitzung mit Festakt, Sektempfang und Buffet in der Alten Aula statt. Im Anschluss an Beiträge des 1. und des 20. Stupa- Präsidenten, die einen Rückblick auf die Anfänge und einen Ausblick auf die Zukunft des Parlaments und studentischer Hochschulpolitik sowie Diskussionsbeiträge von VertreterInnen der im 40. Stupa vertretenen Listen kam es zu einer kontroverse Debatte über die Rolle der Studierendenvertretung und ihre Perspektiven, die im Ganzen aber zeigte, dass das Modell der studentischen Selbstverwaltung noch lange nicht tot ist. Im Folgenden dokumentieren wir den Redebeitrag unserer Liste von Christian Schlag.
Unter unseren Talaren der Muff von 40 Jahren?
Vielfach werden den Vertretern studentischer Interessen in Studierendenparlament, Allgemeinem Studierendenausschuss und anderswo Karrierepflege, Inkompetenz oder ideologische Verblendung vorgeworfen. Viele würden die für die Selbstverwaltung vorgesehene Infrastruktur ohnehin nur für ihre eigenen Zwecke nutzen, die vielfach nichts oder nur wenig mit den Interessen der gesamten Studierendenschaft zu tun hätten.
Wie sieht die Studierendenvertretung in der Realität aus?
In Studierendenparlament, AStA, Fachschaften und den Gremien der akademischen Selbstverwaltung nehmen Jahr für Jahr viele Studierende die Interessen der Studierendenschaft wahr und arbeiten mit an der Gestaltung und Entwicklung der Universität.
Im einzelnen leisten sie gute Arbeit in Selbstverwaltung und Interessenvertretung innerhalb der Studierendenschaft, in der Universität und ihren vielfltigen Gremien sowie nach außen in die Gesellschaft.
Dabei sind sie mit zwei großen Problemen konfrontiert.
Zum einen müssen die meisten Kommissionen und Ausschüsse gesetzlich von einer einzelnen Statusgruppe dominiert sein. Die direkten Einflussmöglichkeiten sind daher beschränkt.
Zum anderen könnte eine noch weitergehende Beschränkung der Einfluss- und Teilnahmemöglichkeiten zu nachlassendem Interesse führen. Engagement erscheint für den Einzelnen rational nicht mehr "sinnvoll", Gestaltung nicht möglich. Studierende sehen sich oft in Abhängigkeit von den Lehrenden, weil sie ihr Studium unter den gegebenen Umständen in stark begrenzter Zeit beenden müssen und mit Blick auf den Arbeitsmarkt auf einen guten Abschluss angewiesen sind.
Desweiteren wird die Verfasste Studierendenschaft zunehmend in Frage gestellt. Das Vorgehen in Hessen etwa, dass deren Finanzierung mit einem Gesetz an die Wahlbeteiligung bindet, lässt allenfalls vermuten, dass hier unliebsame Stimmen stumm gemacht werden sollen, indem ihre Infrastruktur ausgetrocknet wird. Eine andere Begründung ist schwer vorstellbar.
Studierende werden weltweit zunehmend als Kunden definiert. Kunden einer Universität haben aber anders als Mitglieder bis auf ihr Auswahlverhalten keine direkten Einflussmöglichkeiten auf das Produkt, dass sie kaufen. In diesem Sie haben keinen Einfluss auf die Gestaltung der Hochschulbildung. Sie können sie nur kaufen oder eben nicht.
Der Anteil der Studierenden an der Gestaltung und Entwicklung ihrer hochschule ist auch gefährdet, da gestufte Studiengänge durch die für sie definierte workload den Studierenden sie Zeit für ein ehrenamtliches Engagement nur noch eingeschränkt lassen. Zusammen mit der zunehmenden zeitlichen Begrenzung der Studienzeit durch Studierendengebühren bleibt immer weniger Zeit.
Dagegen setzen wir unser Ideal:
Demokratie bedeutet Wahrnehmung der eigenen Interessen durch jeden Einzelnen. Um neue Perspektiven einer adäquaten Beteiligung zu schaffen, fordern wir die Drittelparität.
Das ehrenamtliche Engagement muss abgesichert werden. Wir fordern die absolute gesetzliche Verankerung der Verfassten Studierendenschaft. Von universitärer Lehre und indirekt auch Forschung sind etwa 3 Mio. Studierende.
Sollten wir eine bundesweite offizielle Studierendenvertretung haben? - Ja! Denn einzelne Studierendenschaften können nicht alle relevanten Themen adäquat behandeln und nach außen vertreten. Ein quasi institutionalisierter fzs (Freier Zusammenschluss von StudentInnenschaften) wäre dazu in der Lage.
Muff also? - Nein. Für Studierendenschaft und Universität gibt es in der studentischen Interessenvertretung viel nützliches Potential, dass nicht abgeschnitten werden darf!
Wir wollen es für uns und alle anderen nutzen!
[Es gilt das gesprochene Wort.]