Studiengebühren? Contra! -- Ein Plädoyer für gebührenfreie Bildung
Fachwerk und Fachkraft treten vehement gegen Studiengebühren ein. Im Senat widerspricht Fachwerk energisch den Gebühren-Befürwortern, z.B. unserem Uni-Präsidenten Prof. Volker Nienhaus, und versuchen, an unsere Erfolge anzuknüpfen: Im Jahr 2002 hat sich der Senat auf Initiative von Fachwerk gegen Studiengebühren ausgesprochen. Im AStA arbeitet Fachkraft im Vorstand und in den Referaten auf unterschiedlichsten Ebenen weiter für einen offenen und gebührenfreien Bildungszugang. [Juni 2005]
Das Bezahl-Studium: aktuell wie nie
Seit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes vom 26. Januar hat sich die Debatte um das Ob und Wie von Studiengebühren enorm intensiviert. Mit immer neuen Positionspapieren und Konzeptvorschlägen, deren Inhalte von integrierten Stipendiensystemen über Darlehensmodelle bis hin zur Abschaffung des BAföG reichen, präsentieren sich momentan vornehmlich die Befürworter des Bezahl-Studiums. Allerorten ist von Sozialverträglichkeit die Rede, von der Verbesserung der Studienbedingungen und vom höheren Wert der Bildung, wenn für sie gezahlt wird. Sind nur die Studierenden unfähig, den Sinn der Studiengebühren zu verstehen? Nein, sie haben berechtigte Gründe für ihr Dagegenhalten:
Es gibt keine sozialverträglichen Studiengebühren
Studiengebühren und
Sozialverträglichkeit
schließen
einander aus. Bereits heute ist das deutsche
Bildungssystem eines der sozial undurchlässigsten
in ganz Europa, das belegen alle wissenschaftlichen
Gutachten. Laut der 17. Sozialerhebung
der deutschen Studentenwerke von 2004
haben die Sprösslinge wohlhabender Familien
bereits jetzt eine mehr als sieben Mal höhere
Chance auf ein Studium als die Kinder so
genannter bildungsferner Schichten. Von der
Shell-Jugendstudie bis zur OECD-Pisa-Studie wird
das soziale Ungleichgewicht des deutschen
Bildungssystems kritisiert. Gebühren, gleich
welcher Höhe, gleich mit welchem Stipendienund
Darlehenssystem flankiert und gleich ob
studienbegleitend oder nachlaufend erhoben,
werden noch mehr Schulabgänger als bisher von
der Aufnahme eines Studiums abschrecken.
Dieser Effekt ist angeblich in niemandes Sinne,
mag man den Verlautbarungen aus Politik und
Wirtschaft glauben, Deutschland brauche mehr
Hochschulabsolventen als derzeit. Wenn dem
wirklich so ist, sollten die Verantwortlichen in
Gesellschaft und Hochschule nicht weitere finanzielle
Hürden ein- sondern soziale Barrieren
abbauen. Sicher, die soziale Selektivität des deutschen
Bildungssystems liegt bereits in
Kindergarten und Grundschule begründet, unter
anderem im Mangel an staatlich solide finanzierten
und konzeptionell tragfähigen Ganztagsangeboten.
Doch was in den Frühstadien des
Bildungsweges versäumt wurde, darf später um
so weniger durch Studiengebühren verschärft,
sondern muss ausgeglichen werden! Der Blick
ins Ausland mag hier weiterhelfen, doch nicht
in die falsche Richtung: Nicht die Verschuldungsraten
studierender junger Menschen in
den Vereinigten Staaten, nicht die sozialen Probleme
der amerikanischen Gesellschaft und
nicht die dortige Bildungsferne breiter Bevölkerungsschichten
auch aufgrund fehlender materieller
Ressourcen sollten als Beispiel dienen,
sondern Gebührenfreiheit, soziale Durchlässigkeit
und höchste Studienanfängerquoten (bezogen
auf einen Jahrgang) in den skandinavischen
Ländern.
Die Hochschulen werden nichts
von
den Gebühren haben!
Die Erwartungen, die für das Studium entrichteten Gelder würden den Universitäten und der so dringenden Verbesserung der Studienbedingungen zu Gute kommen, werden enttäuscht werden. Das lehren wiederum der Blick ins Ausland (wo sich der Staat im Zuge eingeführter Gebühren oftmals aus seiner finanziellen Verantwortung verabschiedet), wie auch die diesbezüglich ersten Erfahrungen in der deutschen Hochschullandschaft. So kosten beispielsweise die hessischen Langzeitstudiengebühren, von der Landesregierung euphemistisch im "Studienguthabengesetz" verpackt, die meisten Hochschulen offenbar mehr als sie an dem Geldsegen verdienen. Die Politiker, die immer wieder von der Bildung als wichtigster Ressource und bedeutendstem Standortfaktor reden, sollten sich auch in Zeiten der scheinbar knappen Kassen endlich selbst beim Wort nehmen und in ihren Etats endlich die richtigen Prioritäten setzen.
Vorsicht Mainstream!
Studiengebühren verstärken die bedenkliche Tendenz, Bildungsverhalten an möglichst kurzfristiger Verwertbarkeit auszurichten. Der Schuldenberg, der sich im Falle eines spärlichen Finanzpolsters während des Studiums für Lebensunterhalt und Bildungsteilnahme ansammelt, will schließlich nach dem Examen abgetragen werden. Der vielbeschworenen "Wissens"-Gesellschaft dient jedoch weniger die pure Orientierung der Studierenden an individueller Gewinnmaximierung als vielmehr die von ihnen selbstbestimmt und unabhängig von materiellen Zwängen erlernte Fähigkeit, Probleme zu lösen, Ideen zu entwickeln und sie in die Realität umzusetzen. Stromlinienförmige Hochschulabsolventen, welche sich in Ausbildungsstätten, die das Bildungsideal der früheren Universitäten vergessen haben, für Geld in die kurzlebigen Passformen des Mainstreams pressen lassen (müssen), werden wohl kaum zu einer nachhaltig positiven Entwicklung der Gesellschaft beitragen, für die Freiheit, Solidarität und Chancengerechtigkeit tatsächlich noch Werte darstellen.
Studiengebühren lösen kein einziges der derzeitigen Probleme im Bildungssystem, sondern verschärfen die bereits erkannten und lassen neue entstehen.